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Oba schen is schon do. Dieser Satz drückt nicht nur die tiefe Verbundenheit des Kärntnernden zu seinem Habitat aus, sondern lässt auch eine implizite Entschuldigung mitschwingen. Oba. Als wäre die landschaftliche Schönheit eine Rechtfertigung für alles, was an diesem Land vorübergegangen ist oder auch verabsäumt wurde.

Kärnten, ein Wanderpokal

Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit zum besseren Verständnis der Gegenwart. Ursprünglich subsistenzwirtschaftlich agrarisch geprägt, wurde Kärnten 976 n.Chr. ein eigenständiges Herzogtum – das erste im Alpenraum – und als Lehen an die Luitpoldinger, die Spanheimer, die Meinhardiner (Grafen von Görz) herumgereicht. Zwischenzeitlich gehörte Kärnten sogar dem tschechischen Königshaus der Przemysliden an, bevor es 1335 Teil des Habsburgerreichs wurde – und blieb.

Gute Jahr(hundert)e

Rund 1000 Jahre lang, vom Abbau des Norischen Eisens für die römischen Kurzschwerter bis zur Einstellung des Bergbaus in Bad Bleiberg 1993, war Kärnten einer der bedeutenden Montanstandorte im Alpenraum. Vorwiegend Blei-, Zink-, Eisen- und Silbervorkommen wurden abgebaut. Welche Bedeutung Bodenschätze einst hatten, zeigt auch der – mittlerweile in Vergessenheit geratene – Umstand, dass der heutige Sitz der Kärntner Landesregierung 1873 als Verwaltungszentrale der Hüttenberger Eisenwerks-Gesellschaft errichtet wurde. Nach dem ersten Weltkrieg musste Kärnten wichtige Gebiete wie das Kanal- und Mießtal an Italien und den SHS-Staat abtreten. Dabei ging mit Rajbl/Ravne na Koroškem auch ein Zentrum der Eisenverarbeitung und Metallindustrie verloren, das in der Zeit des sozialistischen Jugoslawiens zu einem der größten Stahlstandorte Sloweniens mit internationaler Bedeutung wurde.

Das „gefährlich schöne Land Kärnten“, wie der frühere Bischof Egon Kapellari einmal schrieb. Wo sich die Natur in ihrer Anmut selbst feiert, bleibt für menschlichen Fortschrittswillen vielleicht wenig Raum. (Foto: WTS/Schöndorfer)

Dorf an der Grenze

Statt inmitten der riesigen k.u.k.-Monarchie fand sich Kärnten plötzlich für Jahrzehnte als Dorf an der österreichischen Grenze wieder, vom Süden abgeschnitten durch den Eisernen Vorhang zum Kommunismus, vom wirtschaftlich starken Norden (Salzburg, Oberösterreich, Bayern) durch den Alpenhauptkamm. Die verkehrstechnische Erschließung ließ auf sich warten: Die Tauernautobahn als durchgehende Verbindung von Villach bis Salzburg war erst 1988 vollständig befahrbar, die zweite Röhre des Tauerntunnels wurde überhaupt erst 2011 fertig. Eine durchgängige Südautobahn gibt es ebenfalls erst seit Ende der Achtziger, der vierspurige Ausbau der gesamten A2 zwischen Klagenfurt und Graz wurde 2004 abgeschlossen. Vielleicht ist es auch dieses Gefühl, ein Stiefkind der Geschichte zu sein, das in der besonderen Kärntner Heimatliebe – „oba schen…“ – seinen Ausdruck findet.

Verlängerte Werkbänke

Den in diesen Jahrzehnten entstandenen Entwicklungsrückstand konnte Kärnten zwar nie zur Gänze aufholen, aber aus den ab den Sechzigerjahren angesiedelten „verlängerten Werkbänken“ wuchsen einige zu starken, selbstständigen Standorten heran: Aus der Philips-Fernsehplatinenfertigung in Althofen wurde mit Flextronics und heute Flex einer der größten Arbeitgeber im Zentralraum, Funder prägt mit seiner Produktion von Möbelteilen seit Jahrzehnten das Stadtbild von St. Veit, und Siemens Semiconductor legte in den Siebzigerjahren in Villach mit einer einfachen Halbleiterfertigung den Grundstein für den heute größten Industriebetrieb Kärntens, Infineon.

Tourismusweltmeister

Die schöne Kärntner Landschaft und die freundlichen Einheimischen passten auch perfekt zu einer anderen Boombranche dieser Zeit. Die Deutschen konnten sich dank des Wirtschaftswunders ab den späten Fünfzigerjahren die ersten Autos leisten und verbrachten zu Hundertausenden ihren Urlaub zwischen Bilderbuchbergen und Sommersonnenseen: Im Rekordjahr 1980 verbuchte der damalige – selbsternannte – Tourismusweltmeister Kärnten (gerechnet in Nächtigungen pro Kopf der Wohnbevölkerung) knapp 19 Millionen Jahresnächtigungen, ein starker dritter Platz hinter Tirol (39,1 Mio.) und Salzburg (21,9 Mio.).

Absturz: Kärnten hat den traditionellen dritten Platz in der österreichischen Nächtigungsstatistik an die Steiermark verloren. Die Reaktionen hierzulande erinnern an ein Werk von Peter Handke: Wunschloses Unglück. (Quelle: https://www.wko.at/oe/statistik/jahrbuch/tourismus-bundeslaender.pdf)

Vom Stockerl gefallen

Tempi passati. Kärnten ist bis 2024 auf 13,1 Mio. Nächtigungen abgestürzt, während der Tiroler Tourismus auf 49,2 Mio. Übernachtungen zugelegt hat und das Salzburger Land auf 30,2. Deshalb hat Kärnten seinen dritten Platz auch an die Steiermark mit fast 14 Mio. verloren, die 1980 noch bei 9,4 Millionen standen, knapp der Hälfte von Kärnten. So sehen Sieger aus. Wer glaubt, dass diese peinliche Schlappe gegen den Lieblingsnachbarn zu blankem Entsetzen, einem geharnischten Schulterschluss von Touristikern mit der Landespolitik und einer fieberhaften Aufholjagd führen würde: Weit gefehlt. Man diskutiert seit Jahren über eine Reform der komplexen Tourismusorganisationen – und eine Verdoppelung der Abgaben, damit das Land zumindest ein paar Radwege fertigbauen kann, zum Beispiel den seit Jahrzehnten leidenschaftlich umstrittenen, aber leider nie umgesetzten um den Wörthersee. Denn es fehlt in Kärnten nicht nur an Betten, Reiseveranstaltern und Flugincoming, sondern auch an zeitgemäßer touristischer Infrastruktur, wie man an vielen Ecken mit freiem Auge sehen kann.

Kaputte Straßen, schlechtes Internet

Infrastruktur ist grundsätzlich ein Begriff, der mittlerweile vielen Politikern den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Die Straßen in Kärnten sind nach jahrzehntelanger Unterdotierung der Sanierungs- und Erhaltungsbudgets so desolat wie früher am südlichen Balkan, von der lange diskutierten Wasserschiene hat man schon länger nichts gehört, der vor allem für die regionale Wirtschaft existentielle Internet-Breitbandausbau ist gefährdet, warnt IT-Experte Martin Zandonella: „Die geplante Streichung von 50 Millionen Euro an Bundesförderung für den Breitbandausbau bedroht Kärntens digitale Zukunft und bedeutet einem Rückschritt für Infrastruktur, Innovation und Wertschöpfung im Land!“

Investitionen? Bitte warten

Ebenso spießt es sich beim wichtigsten Logistikprojekt des Landes, dem LCA Süd in Fürnitz. „Da wird im Feber 2024 mit großem Trara im Spiegelsaal ein ‚Memorandum of Understanding‘ über 73 Millionen Euro unterzeichnet von ÖBB-Chef Matthä, Landeshauptmann Kaiser und Wirtschaftslandesrat Schuschnig. Und nachdem bis heute in Fürnitz nichts weitergegangen ist, lassen uns die ÖBB kürzlich über die Medien ausrichten, dass sie ihre vereinbarte Leistung vorerst einmal auf zwei Jahre verschieben. Man muss sich wirklich fragen, was Unterschriften unter Verträgen noch wert sind“, ärgert sich Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Mandl. Während Kärnten fortgesetzt benachteiligt wird, investiert die ÖBB in das Terminal Wels 70 Millionen Euro, das Cargo Terminal Graz wurde um ebenfalls 70 Millionen um zehn Hektar erweitert und an die Koralmbahn angebunden. Mandl: „Ich protestiere gegen diese Behandlung Kärntens und rufe die Landespolitik dazu auf, diese dreiste Benachteiligung im Logistikbereich abzustellen und vertane Standortchancen, verlorenes Wachstum und verhinderten Wohlstandszuwachs für das Land nicht weiter hinzunehmen!“

Ganz hinten

Dabei könnte Kärnten wirtschaftliche Impulse dringend brauchen. Die Kronenzeitung berichtete vor wenigen Tagen mit Verweis auf Daten der Bank Austria, dass Kärnten 2024 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozent den vorletzten Platz der österreichischen Bundesländer eingenommen hat. 2025 wird Kärnten das Schlusslicht der heimischen Wirtschaft sein. Weil Österreich allerdings beim Wachstum auch am Ende der EU-Länder liegt, ergibt sich daraus für Kärnten eine „Schlusslicht vom Schlusslicht“-Position in Europa.

Ist da jemand?

Trotz angeblich bester Kontakte in die Bundesregierung bleibt der Widerstand der Landespolitik gegen den wirtschaftlichen Niedergang bisher überschaubar. Dabei wäre eine erfolgreiche Logistikdrehscheibe Villach-Fürnitz für Kärnten eines der Kernstücke der Baltisch-Adriatischen Achse, die nach der Fertigstellung von Koralmbahn und Semmeringtunnel eine neue europäische Südostspange von der Adria bis an die Ostsee bildet – mit allen Entwicklungsmöglichkeiten, die Hauptverkehrsadern auf der Schiene bieten. Und einem ausverhandelten Zollkorridor zum Adriahafen Triest, einer Einzigartigkeit in ganz Europa. Dieses Kärntner Plegma, seit Jahrzehnten belächelt als „Lei loßn-Mentalität“, führt dazu, dass die AREA Süd, der neue gemeinsame Wirtschaftsraum von Kärnten und der Steiermark, von vielen nicht nur als vielbejubelte Jahrhundertchance wahrgenommen wird, sondern als Bedrohung: In weniger als einem halben Jahr fährt man von Klagenfurt in 45 Minuten nach Graz. Und die Zahl jener wächst, die darin weniger die Möglichkeiten, sondern eher die Gefahr sehen, die ohnedies massive Abwanderung von Jugendlichen, Arbeitskräften und damit Kärntner Zukunftschancen in die Steiermark noch zu verstärken.

Demografiefalle

Denn Überalterung und Bevölkerungsschwund sind das größte wirtschaftspolitische Standortproblem, über das viel geredet, aber gegen das wenig unternommen wird. Einerseits fehlen der Wirtschaft bis 2030 rund 30.000 Arbeitskräfte. Und – was noch schlimmer ist – der Landespolitik fehlt das Geld, um immer mehr Ältere und Alte entsprechend zu versorgen. Schon jetzt platzt das Landesbudget aus allen Nähten: 5,8 Milliarden Schulden bis 2028, jährliche Zinszahlungen von 700 Millionen Euro, höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer, Rückzahlungsdauer: 300 Jahre. Wo das Land die Investitionen für den neuen Wirtschaftsraum, die Energiewende, die Modernisierung der Infrastruktur, den Umbau des Tourismus, kurz: die Zukunft des Landes hernehmen will, steht in den Sternen.

Vorsicht Fortschritt

Aber vielleicht will die Kärntner Bevölkerung diese Zukunft gar nicht. Wer die Inbrunst sieht, mit der jedes Innovations- und Transformationsprojekt in Kärnten reflexartig abgelehnt und mittels – zumindest vorerst inhaltlich-juristischer – Bürgerwehr bekämpft wird, kann sich dem Eindruck nicht verschließen, dass Fortschritt in Kärnten unerwünscht ist. Das GTI-Treffen: Gäste schmutzen und stören, abgedreht. Windkraft: per Volksbefragung (fast) abgeschafft. Ein neues Mölltal-Kraftwerk um 200 Millionen? Braucht keiner, die armen Fische. Eine Therme mit Hotel und Tourismusschule am Klopeiner See, der Investor steht mit 180 Millionen Euro bereit? Die Ortskaiser können sich auf keinen Standort einigen, es könnte ja der jeweils andere davon profitieren. Ein Badehaus am Ossiacher See? Wenn’s sein muss, aber sicher nicht am Seeufer, da gehen die Hunde so gern Gassi. 100 Millionen für ein Wasserstoff-Forschungszentrum in Gmünd? Die empörten Fischereiberechtigten wollen alle Rechtsmittel ausschöpfen. Die Universität Klagenfurt plant um 72 Millionen Euro einen neuen Campus mit Amphitheater, Brunnen, Wasserelementen, Entspannungs-, Lern- und Lesebereichen, umgeben von zellular angeordneten Hainen, Wiesen und Feuchtgebieten? „Für den Erhalt des Uniparks“, steht auf den Schildern von protestierenden Studenten, die ein paar Bäume und Sträucher schützen wollen, die der Erweiterung im Weg stehen.

Standort in Gefahr

Kärnten, das Land, in dem nichts mehr geht? Schon jetzt verdeutlicht eine Umfrage unter ausgewanderten jungen Kärntnerinnen und Kärntnerinnen, dass es ihnen hierzulande an Jobs, an Wohnungen, an Kulturangeboten, an Freizeitmöglichkeiten, schlicht: an Perspektiven fehlt. Wenn aber nur die Alten, Arrivierten, Saturierten, Wohlstandsschlaffen, Veränderungsskeptischen und Ruhebedürftigen über die Zukunft dieses Landes entscheiden, ist nicht nur der Wirtschafts-, sondern auch der Lebensstandort Kärnten in Gefahr. Dann ist es bald sehr still uman See.

Zum Nachschauen: Österreich-Bild aus dem Landesstudio Kärnten nach einer Idee der Wirtschaftskammer Kärnten – „Vom Norischen Eisen zur AREA Süd“

Dieser Text ist ursprünglich erschienen im Online-Wirtschaftsmagazin M.U.T. im Juli 2025. Überarbeitete, aktualisierte Fassung.

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