Ein kollektives Aufatmen geht durch Städte und Täler: In Anerkennung der außergewöhnlichen Leistungen verleiht die österreichische Bundesregierung dem Land Kärnten die – eigens geschaffene – Auszeichnung als „zukunftsweisende Modellregion“. Der denkwürdige Weg vom angefeindeten Schlusslicht zum bewunderten Spitzenreiter wird nun sogar Thema einer TV-Dokumentation: „Kärnten – Comeback einer Region“.
Um den spürbaren Stolz der „Sizilianer“, wie die südlichsten Österreicher wegen ihrer entschleunigten Lebensart früher oft genannt wurden, zu verstehen, ist ein kurzer Blick zurück im Zorn nötig: Vor einem Jahrzehnt war Kärnten am Boden. Das kleinste Wirtschaftswachstum, die geringste Kaufkraft und die schlechtesten Schülertests trafen auf die schlimmste Arbeitslosigkeit, die höchste Pro-Kopf-Verschuldung und die größte Abwanderung. Die Landesbank war notverstaatlicht worden, ein Korruptionsprozess jagte den nächsten, das Klima im Land war verheerend.
Dann brach mit der vorverlegten Landtagswahl im März 2013 ein Stimmungswechsel an, der als Kärntner Frühling in die Geschichtsbücher der Region Einzug gehalten hat. Aus provinzieller Kleingeistigkeit wurde unter dem Druck der Bedrohung aufgeklärte Entschlossenheit, aus politischer Missgunst ein Schulterschluss, aus dem flächendeckenden Jammer ein Kampfruf: Wandel und Erneuerung. Die großflächige Zerstörung von
Lebenschancen und Zukunftsträumen war der Boden, aus dem nun die Hoffnung spross und mit ihr eine ungeahnte Tatkraft und Kreativität. Wie einzelne Litzen fanden private Initiativen, Unternehmergeist und politisches Verständnis zu starken Seilen zusammen, an denen die Zukunft des Landes festgemacht wurde.
Eine Regierung der besten Köpfe setzte nach der Landtagswahl die Grundsteine für den späteren Erfolg. Sie nahm mit einer bislang ungekannten Dynamik die allerwichtigste Aufgabe der öffentlichen Verwaltung in Angriff: Die Sanierung des aus allen Nähten platzenden Budgets. „Brot und Spiele“, die nach römischem Vorbild von der Kärntner Politik organisierten Geldverteilungsaktionen wie der Teuerungsausgleich oder das Jugendstartgeld, wurden generell verboten, ebenso jede politische Werbung auf Steuerzahlerkosten. Massive Einsparungen erzielte die Landesregierung im Gesundheitswesen, wo bestehende Pläne umgesetzt und die Leistungen der Regionalspitäler zugunsten des neu errichteten Klinikums Klagenfurt deutlich reduziert wurden. Populär wurde die Aussage des Gesundheitslandesrates: „Wer von Wolfsberg in Klagenfurter City Arkaden oder von Hermagor ins Villacher Atrio shoppen fahren kann, dem ist ein zentrales Krankenhaus von europaweit führender Qualität in der Landeshauptstadt für die Dauer seiner Behandlung zumutbar.“ Ein dichtes Netz an niedergelassenen Ärzten – auch in Gruppenpraxen – sichert die lokale und Notfallversorgung, die regionalen Spitäler sind heute wichtige Bestandteile in der aufgrund der Überalterung der Gesellschaft notwendigen Seniorenbetreuung.
Auch in der öffentlichen Verwaltung setzte ein rigider Einsparungskurs namhafte Einsparungspotenziale frei: Die bis dato höchsten Einkommen von Vertragsbediensteten in Österreich wurden auf den Länderdurchschnitt rückgeführt, ebenso die Beamtengehälter. Mitglieder der Landesregierung verzichteten als Zeichen ihrer Solidarität bis zur Trendwende auf ein Viertel Ihrer Bezüge. Binnen nur zwei Jahren erreichte Kärnten mit einem ausgewogenen Bündel an Sparmaßnahmen und der Einführung zeitgemäßer Buchhaltungs-, Kostenrechnungs- und Steuerungssysteme anstelle der völlig veralteten Kameralistik ein Nulldefizit; seitdem schreibt das Land operativ schwarze Zahlen und hat bereits einen großen Teil seiner Milliardenschulden getilgt.
Trotz des harten Sparkurses wurde gleichzeitig in wichtige Zukunftsbereiche investiert: Um der negativen Bevölkerungsentwicklung entgegenzuwirken und die Jugend im Land zu halten, wurde Kärnten zum Vorbild in Sachen Aus- und Weiterbildung: In enger Kooperation mit der ursprünglich bildungswissenschaftlich orientierten Universität Klagenfurt entwickelten Kärntner Pädagogen Modelle, die das Land bei Schultests vom letzten auf die vorderen Ränge beförderten. Dabei dienten auch erfolgreiche Ganztags-Schulkonzepte aus Skandinavien als Vorbilder, weil sie die individuellen Bedürfnisse der Schüler und die organisatorischen Notwendigkeiten vieler berufstätiger Eltern am besten unter einen Hut bringen. In Kombination mit der an mehreren Standorten verfügbaren Internationalen Schule, der erfolgreichen Fachhochschule, der in den Betriebswirtschafts- und Informatikstudien international anerkannten Universität und der dualen Ausbildung von Fachkräften in erstklassig ausgestatteten Berufsschulen und in der betrieblichen Praxis bietet Kärnten heute ein engmaschig vernetztes Ausbildungssystem, das jeden nach seinen Talenten fördert – und damit ein Bildungsniveau, das europaweit als Benchmark dient. Den Lehrern hat der Wandel übrigens nicht geschadet, sie gehören zu den motiviertesten ihrer Branche und werden sogar von ausländischen Bildungseinrichtungen als Wissensträger gerne abgeworben.
Dadurch ist es Kärnten gelungen, die Jugend im Land zu halten und für die eigene Wirtschaft auszubilden. Dazu kommen zahlreiche bestqualifizierte Einwanderer, die nach anfänglicher Skepsis herzliche Aufnahme gefunden haben. Besonders loben sie die vorbildliche Willkommenskultur in Kärnten, die durch privat organisierte Unterstützung in Wohnungsfragen, bei Kindergarten- oder Schulplätzen und im täglichen Leben eine rasche Integration von Zuwanderern sicherstellt, die wiederum ihrerseits zur kulturellen Vielfalt, aber auch zur Wettbewerbsfähigkeit des Landes und zum wachsenden Wohlstand beitragen.
Wie überhaupt die Wirtschaft das wichtigste Kapitel im Aufholprozess Kärntens geschrieben hat: Auf der Grundlage des 2011 präsentierten wirtschaftspolitischen Leitbildes und einer traditionell starken Exportwirtschaft ist es den Unternehmen in Kärnten gelungen, bestehende Arbeitsplätze auch in konjunkturell schwierigen Zeiten zu erhalten, neue zu schaffen und damit Wertschöpfung, Steuerleistung und allgemeinen Wohlstand ins Land zurückzubringen. Mittlerweile sind alle Grobziele des Leitbilds erreicht oder sogar übertroffen worden: Das regionale Bruttoinlandsprodukt Kärntens liegt pro Kopf über dem Österreich-Schnitt, die Schuldenquote darunter, die Arbeitslosen- und Erwerbsquote weisen im Vergleich keine Abweichungen mehr auf. Die hohen Aufwendungen für Forschung&Entwicklung konnten dank des Standortes von Infineon und der Ansiedelung weiterer High-tech-Unternehmen – der durch den rigorosen Ausbau von Breitband-Internet-Anbindungen vor allem in den dezentralen Räumen erst möglich geworden ist – auf dem 3. Platz unter den Bundesländern stabilisiert werden.
Neben der Kärntner Industrie, die schon 2011 erstmals Waren im Wert von mehr als sechs Milliarden Euro exportierte und die heute Weltruf vor allem im Maschinenbau und bei der Alternativenergie genießt, kam beim Aufholprozess dem Tourismus eine besondere Bedeutung zu. Als gesundes, schönes, sicheres und angebotsstarkes Nahurlaubsland im Herzen Europas konnte Kärnten nach einer Phase des Umdenkens und der Restrukturierung an die Erfolge der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts anschließen. Die einzigartigen und aufgrund der Ballungsprozesse im Zentralraum gewachsenen natürlichen Erholungs- und Erlebnismöglichkeiten zwischen wanderbaren Bergen und trinkwasserreinen Seen kamen nicht zuletzt dank der nachhaltigen Stimulanz der Kärnten Werbung wieder in Mode, die qualitätsvolle Sommerfrische erlaubte bei einer deutlich verlängerten Sommersaison jene Umsätze, die die dringend nötigen Investitionen in die Beherbergungsbetriebe und die touristische Infrastruktur ermöglichte. Derzeit laufen daher auch die Baumaßnahmen zur Verlegung der Eisenbahn am Wörthersee in eine hangnahe Tunneltrasse auf Hochtouren: In Kürze wird in einer der intensivst genutzten touristischen Kernzonen Europas kein Zuglärm mehr Hotelgäste aus den Betten beuteln oder die Bahntrasse samt Oberleitungen den Blick auf den azurblauen See verstellen.
Und seit der Wiederentdeckung der Gastfreundschaft nicht nur als selbstverständliche Begleiterscheinung in der touristischen Kundenbindung, sondern auch als buchungsentscheidende Grundvoraussetzung des sozial nachholbedürftigen Urlaubers im digitalen Zeitalter lautet Kärntens Tourismusslogan wieder „Urlaub bei Freunden“.
Dieser Artikel ist erschienen im Wirtschaftsmagazin advantage, Ausgabe Feber/März 2013