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Ösien steckt fest. Innere Überzeugung, Entschlossenheit und Strahlkraft der herrschenden politischen Eliten reichen nicht aus, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, der mittlerweile bis weit über die Achsen reicht. Vom Kutschbock werden die beschwichtigenden Rufe, wonach alles in bester Ordnung sei, lauter; und die Versuche, den klapprigen Gäulen in dem zum Zerreißen gespannten Geschirr die Peitsche zu geben, fahriger. Auf der Pritsche, wo das Volk lebt, macht sich langsam Unruhe breit: Die Hoffnung, noch einmal auf den rechten Weg zurückzukehren, schwindet. Ob es da noch etwas nützt, die Schwächsten vom Karren zu stoßen?

Es stimmt: Andere Karren sitzen noch viel tiefer im Morast. Die Sünden der Vergangenheit – schwache Politik, überbordende Bürokratie, ausufernde Defizite – lassen Griechenland, Portugal und Irland nicht los und drohen weitere Opfer hinab zu ziehen. Mit unvorstellbaren Milliardensummen werden Euro-Schutzschirme aufgespannt und zugleich kaputtgeredet. Die Notenpressen beiderseits des Atlantik drucken im Dreischichtbetrieb mit der Rettung von heute die gefährliche Inflation von morgen. Die arabische Welt brennt, NATO-Flugzeuge bomben geisteskranke Diktatoren nieder, auch in Spanien demonstriert die Jugend wochenlang gegen Arbeitslosigkeit und Lebensdiebstahl. Die Wirtschaftsmacht Japan erleidet einen von der Welt weitgehend ignorierten Supergau. Der oberste Banker der Welt hinterlässt Spermaspuren auf zufällig eintretenden Zimmermädchen. Die steirische Eiche hat ein uneheliches Kind, dafür keine Ehefrau mehr. Ein Darmkeim rafft ausgerechnet Bio-Käufer dahin. Man könnte meinen, die Welt zerbricht.

Jetzt schlägt die Stunde des terrible simplificateur[1], des – frei übersetzt – teuflischen Vereinfachers. Er hört hierzulande auf den einprägsamen Vornamen „Hazeh“ und tut mit Erfolg so, als würde er einer ernstzunehmenden Partei mit kompetenten Persönlichkeiten und einem zukunftsträchtigen Programm vorstehen. Dieser Eindruck ist ebenso falsch wie die Zähne, die Hazeh in seinem Zivilberuf angefertigt hat. Er schrumpft die Komplexität der Welt zu einer monochromen Miniatur, einem Gedankenhäppchen für seine Zielgruppe, die geistig und auch sonst mittellos in der Unterschicht auf den Tag der Befreiung lauert. Seine teuflisch einfachen Botschaften dringen durch den Gehörgang direkt ins Stammhirn, wo die primitiven Reflexe wohnen. Seine Argumente wirken wie ein Schlangenbiss: Das Opfer in die Hand zu beißen, ist für die Schlange ganz einfach; aber bis in einer höchst komplizierten Rettungskette das Gegengift vom Kühlschrank mittels Hubschrauber am Unfallort eintrifft, ist der Gebissene meist nicht mehr ansprechbar. Die EU kostet uns Geld? Wir treten aus! Die Ausländer nehmen den braven Österreichern die Jobs weg? Weg mit ihnen! Der Euro kriselt? Her mit dem guten, alten Schilling! Bis das seriöse Gegenargument bei dem mit politischer Dummheit Vergifteten ankommt, kann oft nur mehr der Hirntod festgestellt werden.

Vincent van Gogh, Karren mit rotbraunem Ochsen, 1884 (Foto: Wikimedia Commons)

Nun haben sich also die Regierungsparteien in der kräftigen Luft des Semmering dazu aufgemandelt, Hazeh seine Grenzen aufzuzeigen. Sachdienlich wären dabei Hinweise auf das politische Umfeld, in dem Herr Strache sozialisiert wurde – und in dem er sich heute noch befindet. Seine diversen, mit Fotodokumenten sattsam belegten Wehrsportübungen und seine seltsame Art, drei Bier zu bestellen, haben ja bereits ausreichend für sympathisierendes Gelächter an den Stammtischen gesorgt. Aber dass die einschlägig berüchtigte Nationalratsabgeordnete Susanne Winter („Mohammed wäre im heutigen System ein Kinderschänder“) auf Facebook mit dem eindeutig zuordenbaren „Nationalen Versandhaus“ (verkauft beispielsweise Straßenschilder mit der Aufschrift „Wolfsschanze“) und einigen anderen befremdlichen Figuren (siehe auch http://baweko.wordpress.com) befreundet ist, zeugt von Unbelehrbarkeit – zumal sie bereits wegen Verhetzung rechtskräftig verurteilt ist. Ein Schicksal, das nun auch den steirischen FPÖ-Vorsitzenden und Landesrat Gerhard Kurzmann wegen des Computerspiels „Moschee baba“ ereilen könnte, bei dem Minarette und Muezzins „weggeklickt“ werden konnten. Zur Moorhuhnjagd fehlte nur das Fadenkreuz. Bereits zurückgetreten ist der Kärntner Gemeinderat Gerry Leitmann: Er hatte sich den Hitlerjugend-Leitspruch „Blut und Ehre“ in altdeutschen Lettern auf den rechten Unterarm tätowieren lassen und war nun ganz verwundert über die Woge der politischen Entrüstung: „Ich habe nie einen nationalsozialistischen Gedanken gehabt, als ich es 2007 stechen ließ. Ich habe nicht einmal gewusst, wofür Blut und Ehre stehen, da es persönliche Hintergründe waren, die mich darauf brachten.“ Die zu erfahren, wäre eigentlich auch aufschlussreich.

Diese verhaltensauffälligen Sonderlinge müssen von Ämtern, in denen sie ernsthaften Schaden anrichten können, ferngehalten werden – nicht nur ihrer politischen Ausrichtung wegen, sondern weil sie intellektuell ungeeignet sind für die Führung eines Staates. Diese aktive Ausgrenzung funktioniert in Demokratien nicht mit Ignoranz und Gesprächsverweigerung, sondern mit der Kraft der Sprache, der Macht des besseren politischen Arguments, in der persönlichen verbalen Auseinandersetzung. Sich dem zu stellen, ist die hehrste Aufgabe der auch nicht auf der Höhe befindlichen, aber in ihren schlimmsten Stunden noch in einer völlig anderen Liga spielenden „staatstragenden“ Parteien ÖVP und SPÖ. Wenn sie sich diesem Auftrag aus Blödheit oder Feigheit oder Unverständnis (vgl. Andreas Treichl, 2011) nicht stellen, wird ihnen „der Hazeh“ bald den Karren unterm Hintern wegziehen.


[1] Den Begriff prägte der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt in einem Brief an Friedrich von Preen vom 24. Juli 1889.

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