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Der Tag begann für Bürgermeister Scheicher mit einer herben Enttäuschung. Als er frühmorgens vorsichtig und erwartungsvoll die Tür zu seinem Büro öffnete, war es stockfinster. Das lag allerdings nicht am Winter oder an den Fenstern, die im ganzen Rathaus nach den Arenarandalen zum Schutz gegen faule Eier und matschige Tomaten zugemauert worden waren. Nein, die neue Lichttechnik hatte versagt: Obwohl man viele Kubikmeter warmes Sonnenlicht eingefangen, mittels einer Fahrradpumpe verdichtet, in Gasflaschen abgefüllt und am Vorabend im Bürgermeisterbüro wieder ausgelassen hatte, war der Raum kalt und dunkel. Und für diesen Tipp hatte er dem Trainer des Fußballvereins 800.000 Euro bezahlt, ärgerte sich der Bürgermeister. Dafür, dass es nicht funktionierte, wären 500.000 auch genug gewesen.

Strom und Wärme waren Mangelware, seitdem das alte Fernheizkraftwerk mangels Genehmigungen zugesperrt worden war. Das neue Gasdampfkraftwerk war zwar fertig, aber die dafür notwendige Gaspipeline war bisher an den Einsprüchen tausender Bürgerinitiativen gescheitert. Immerhin war der 130 Meter hohe Schlot zur Tourismusattraktion geworden, weil er in Zentralkakanig der einzige Ort war, von dem man den riesigen nutzlosen Betonklotz des Kraftwerks nicht sah. Die Politik nahm’s gelassen, war es doch nicht das erste Kraftwerk in Ösien, das fertiggestellt, aber nie in Betrieb genommen wurde.

In eine Decke gehüllt und bei Kerzenschein widmete sich der Bürgermeister missmutig, doch pflichtbewusst seinen schwierigen Amtsgeschäften. Welches Lied würde er heute Abend  bei seiner täglichen Live-Show im regionalen Kabelfernsehen zum Besten geben? „Muss i denn zum Städtele hinaus“ schien ihm nach reiflicher Überlegung ein wenig übermütig. Vielleicht doch „Hoch auf dem blauen Wagen“? Oder hieß es noch „orange“? Er verschob diese wichtige Entscheidung auf den Nachmittag und eilte zur Mitarbeiterversammlung, die seit einiger Zeit in der Kaffeeküche stattfand. Schließlich kam ja kaum noch ein Beamter ins Rathaus, seitdem sie alle der Reihe nach vom Dienst suspendiert worden waren. Nur der Magistratsdirektor Frust, mit dessen wohlverdienter Zulage der ganze Schlamassel begonnen hatte, besuchte ihn ab und zu. Warum allerdings die Personalkosten explodiert waren, obwohl gar keiner mehr da war, wusste auch er nicht. Dabei hatte sich der Direktor irgendwie verändert, seitdem er immer öfter mit seinem Privathubschrauber ins Büro kam, das mittlerweile den gesamten 1. Stock des Rathauses ausfüllte; aber den Grund der Verwandlung konnte sich der Bürgermeister nicht erklären.

Auch die folgende Sitzung des Stadtsenats heiterte den höchsten Würdenträger der Landeshauptstadt nicht auf. Steinober berichtete davon, dass ihm auf dem Weg zu einem Termin der Schnürsenkel aufgegangen sei; die Grüne Schnulz führte das auf den ungeheuerlichen Zustand von Straßen und Gehwegen zurück. Maria Schwitz erklärte, sie wisse nichts von irgendwelchen Straßen oder Gehwegen, die anderen Mandatare waren schon seit vielen Sitzungen entschuldigt. Angesichts dieses Musterbeispiels konstruktiver sachpolitischer Zusammenarbeit im Interesse der Bürger spürte der Bürgermeister einen leichten Anflug von Müdigkeit.

In den unterirdischen Gängen, die zur verbarrikadierten Tiefgarage führten, hörte er schwach die Sprechchöre der aufgebrachten Menschenmenge auf dem Platz rund um den Schwindwurm. Solange sie sich nicht benehmen, können sie noch lange auf die nächste Wahl warten, dachte sich der Bürgermeister, während er sich – wie jeden Tag – unter schwerer Bewachung zum Stadion chauffieren ließ. Nur hier fühlte er sich bei langen, einsamen Spaziergängen durch die immer noch geleasten Sitzreihen der Oberränge, die menschenleeren, unfertigen Katakomben des Sportparks oder auf dem braunen, vertrockneten Spielfeld wirklich wohl. Von der Bürgermeisterloge aus blickte er hinab, hob grüßend die Hände, hörte Schiedsrichterpfiffe, das Johlen der 33.000, sah vor dem inneren Auge den spielerischen Tanz der Mannschaften.

Der donnernde Einschlag der Abrissbirne im Sektor B 19 riss Scheicher aus seinen Tagträumen. Von aufkeimenden Selbstzweifeln befreit machte er sich auf den Weg zurück ins Rathaus. Vielleicht ließ sich das Sonnenlicht doch noch höher verdichten. Dem Trainer würde schon etwas einfallen. Unbewusst summte er die ersten Takte von „Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus“.

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